Quartier am Turm – ein Stadtquartier, aus Musik geboren

Architektur hat ebenso wie Musik mit Kreativität zu tun. Weitere Berührungspunkte sehen viele Menschen zwischen der einen und der anderen Disziplin erst einmal nicht. Klaus Fessmann dagegen schon. Er ist Komponist, Pianist und Klangkünstler und lehrt am Mozarteum in Salzburg. Vor mehr als zehn Jahren wurde er beauftragt, in Heidelberg Wohn- und Gartenarchitektur nach Musik zu konzipieren. So entstanden Häuser und Gärten nach Werken von Komponisten wie Verdi, Mozart und Händel.

Die Vorgeschichte

Die ehemaligen Werkhallen der H. Fuchs Waggonfabrik AG in Heidelberg-Rohrbach haben eine bewegte Geschichte. Die H. Fuchs Waggonfabrik AG nutzte sie selbst zwischen 1902 und 1957, um hier Eisenbahnwaggons und Straßenbahnen zu bauen. 1957 kaufte die International Harvester Company das Unternehmen und damit auch dessen Heidelberger Gewerbeflächen und baute hier bis 1983 Land- und Baumaschinen. Anschließend übernahm das japanische Unternehmen Furukawa das Areal, das hier ebenfalls Baumaschinen produzierte. 1995 endete hier die Produktion und  2003 begann der Bau des neuen Heidelberger Quartiers am Turm, das heute einer Mischnutzung für Gewerbe und Wohnen dient.

Das Bündnis mit der Musik

Klaus Fessmann war einer der Akteure beim Bau. Er bezeichnet sich selbst als einen Handwerker, „der mit seinen Händen die Musik bewegt und keine Nägel in die Wände oder wo anders hin schlägt“. Das klingt erst einmal nur bedingt nach jemandem, der gestalterisch am Bau eines neuen Stadtquartiers beteiligt ist. Aber seine Begabung passte gut zum Konzept des Quartiers am Turm, bei dem Musik die architektonische Gestaltung beeinflussen sollte. Das Unternehmen Epple Immobilien habe ihn angesprochen, ob er in Heidelberg – wie in einem Vortrag zuvor dargestellt – Wohnbau und Gartenarchitektur nach Musik erstellen könne, sagt Fessmann selbst. Er konnte. Epple Immobilien war beteiligtes Unternehmen an der E & K Quartier am Turm GmbH, die gemeinsam mit der Stadt Heidelberg und Hochtief Projektentwicklung das Quartier am Turm realisiert hat.

Das Quartier am Turm

Passend zum Konzept tragen die Bauabschnitte des Quartiers, die zwischen 2003 und 2008 bebaut wurden, Namen wie Thema con variazioni, Ouvertüre oder Sonata. Laut der ebenfalls am Bau beteiligten Heinze GmbH entstanden auf dem über 100.000 m² großen Gelände bis 2008 neben Gewerbefläche 560 Wohneinheiten: Apartments, Geschosswohnungen, Reihenhäuser, Penthäuser sowie mit einem Bethanienhaus für Senioren eine Einrichtung für betreutes Wohnen. Weitere Baufelder wurden nach 2008 entwickelt. Das Quartier am Turm, bringt vielerlei (scheinbare?) Gegensätze zusammen: Alt und Jung, Wohnen und Arbeiten, Wohn- und Industriekultur. Ein Großteil der historischen Industriefassaden blieb im neuen Viertel erhalten, ein Teil der einst für die Industrie dienenden Gebäude ebenso. Das Quartier präsentiert sich mit verkehrsberuhigten Zonen, Grünflächen und begrünten Innenhöfen, kurzum mit vielen öffentlichen Räumen, die Begegnungen der Bewohner ermöglichen. Sein Namensgeber ist der ehemalige Wasserturm der Waggonfabrik, der als Industriedenkmal bis heute auf dem Gelände steht.

Der Wert des Klanges für die Form

„Es ist mir möglich, jedes Musikstück in Architektur und Gartenarchitektur umzubauen“, sagt Klaus Fessmann. Musikbegeisterte Freunde großer Komponisten werden diesen kreativen Weg des Bauens sehr schätzen. Anderen mag der kreative Prozess, der zu einem neuen Stadtquartier führt, weitgehend egal sein. Für sie zählt das letztlich Sichtbare, Erlebbare mehr als die Methode, durch die es entstanden ist. Und sie stellen sich auf den vielleicht vertretbaren Standpunkt, dass ähnliche Quartiere auch ohne musikalische Unterstützung entstehen können und entstanden sind. Mag sein. Aber vielleicht kann von Musik inspirierte Architektur dennoch ihren Teil dazu beitragen, neue und lebenswerte Stadtquartiere zu entwickeln? Dann sollte öfter einmal Musik erklingen, wenn Immobilien geplant sind.