Der Hochhauspreis 2012 und der Mensch namens Ingenhoven

Was haben das Düsseldorfer Sky-Office und der Breezé Tower im japanischen Osaka mit dem diesjährigen Gewinner des Internationalen Hochhauspreises 2012, dem 1 Bligh Street in Sydney gemeinsam? Alle drei Hochhäuser wurden teils oder vollständig nach Entwürfen des Architekten Christoph Ingenhoven konstruiert, der mit seinem Büro „ingenhoven Architects“ in Düsseldorf sitzt. „Ein Leben ohne Hochhäuser ist ökologisch fahrlässig“ verriet er der Zeitung „Die Welt“ in einem Interview. Wolkenkratzer-Giganten mit 800 oder mehr Metern Höhe hält er indes für Blödsinn und dem Prinzip des Green Building“ setzt er sein „supergreen“ entgegen.

Der Sieger aus Sydney

Christoph Ingenhoven hat die Pläne für Sydneys „1 Bligh Street“ gemeinsam mit Ray Brown vom Büro Architectus aus Sydney entwickelt. Er ist der erste deutsche Architekt, der mit dem Internationalen Hochhaus Preis (IHP) ausgezeichnet wurde. „Der von ihm und Ray Brown entworfene Büroturm gewinnt mit seinen 139 Metern Höhe und seinen 30 Etagen zwar keine Höhenrekorde, setzt aber auf seinem Kontinent neue Maßstäbe hinsichtlich sozialer, kultureller, stadtplanerischer und nachhaltiger Kriterien“, heißt es in der Pressemitteilung zur Vergabe des Preises, der gemeinsam von der Stadt Frankfurt, dem Deutschen Architektur Museum und der DekaBank vergeben wird. Lassen wird einige Fakten sprechen: „1 Bligh Street“ ist eine Projektentwicklung der DEXUS Property Group, hat eine Bruttogeschossfläche von 45.000 m² und wurde 2011 fertig gestellt. Hauptmieter ist die Anwaltskanzlei Clayton Utz, die 15 Etagen angemietet hat.

Was macht 1 Bligh Street so grün?

In der Mitteilung zur Preisvergabe heben die Ausrichter des Internationalen Hochhauspreises die natürlich belüftete Doppelfassade aus Glas hervor. „1 Bligh Street“ sei das erstes Hochhaus Australiens mit solch einer Fassade, die einen optimalen Tageslichteinfall ermögliche, die Wärmelasten oder -verluste verringere und die homogene, kristalline Gesamtform des Gebäudes akzentuiere, heißt es. Und für Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann hat „der diesjährige Gewinner die Einbindung in den urbanen Kontext und die ökologische Ausrichtung in beeindruckender Weise realisiert“. Schaut man sich an, wie im „1 Bligh Street““ Nachhaltigkeit realisiert wird, stößt man neben der Doppelfassade unter anderem auf ein mit Gas und Solarenergie betriebenes System für Kühlung, Heizen und Elektrizität sowie auf effektive Systeme für Abwasser- und Regenwasser-Recycling.

Nicht „green“, sondern „supergreen“

Bereits vor dem Sieg beim Internationalen Hochhauspreis wurde „1 Bligh Street“ „als erstes Hochhaus mit einer „Six- Star World Leadership” Zertifizierung des australischen Öko-Standards green star ausgezeichnet“, berichtet Ingenhovenarchitects.com. Auch das ist vielleicht ein Beleg dafür, dass „1 Bligh Street“ dem entsprechen könnte, was Christoph Ingenhoven auf „ingenhovenarchitects.com“ als „Supergreen“ bezeichnet. Die Herausforderung sei es, mehr zu tun als der Mindeststandard verlangt, beschreibt Ingenhoven das Konzept von „supergreen“. Zu diesem Konzept gehört für ihn eine genaue Betrachtung der Primär- und Sekundärenergiebilanz der verwendeten Materialien, Baustoffe und Bauarten ebenso wie der Anspruch, „den Ressourcenverbrauch für die Lebensdauer des Gebäudes und damit die laufenden Kosten für Unterhalt und Betrieb möglichst gering zu halten“.

Auch Stuttgart 21 steht in den Referenzen

Christoph Ingenhoven ist vielen Architekturfreunden, aber wohl auch vielen Bahnhofsgegnern bekannt. Sein Architekturbüro, das er bis etwa 2004 gemeinsam mit Jürgen Overdiek unter dem Namen „Ingenhoven, Overdiek und Partner“ geführt hat, konnte zahlreiche Wettbewerbe für sich entscheiden. Das bekannteste und wahrscheinlich umstrittenste Projekt aus diesem Büro ist der Tiefbahnhof Stuttgart 21. Ingenhoven entschied den Wettbewerb für den Bahnhof 1997 mit seinem Entwurf für sich. Daneben gehören aber auch viele Hochhausprojekte zu den Referenzen, so etwa der ungefähr 177 Meter hohe Breezé Tower in Osaka mit 39 Stockwerken und einer Bruttogeschossfläche von 76.000 m² oder das Düsseldorfer Sky Office mit 87 Metern Höhe, 23 Geschossen und 36.550 m² Bruttogeschossfläche. Berühmt wurde auch ein viel früheres Hochhausprojekt des Architekten: Der von ihm konzipierte und 1996 fertig gestellte RWE Turm in Essen, der als ein erstes Öko-Hochhaus gilt.

Der Wert des Hochhauses an sich

Hochhäuser sind für Ingenhoven ein bedeutender Beitrag zur Zukunft der Menschheit. „Das Hochhaus sichert global gesehen das Überleben der Menschen auf dieser Erde“, sagt er im Interview mit der Zeitung „Die Welt“, ein Leben in den Megacitys sei ohne hohe städtebauliche Verdichtung und damit ohne Hochhäuser nicht denkbar. Megatürmen mit 600 bis 800 Metern Höhe erteilt er im Interview allerdings eine Absage, da sie aus seiner Sicht weder ökologisch noch ökonomisch Sinn ergeben, und gute Hochhäuser bezeichnet er – weltweit gesehen – als Mangelware. Denjenigen guten Beispielen, die es gibt, bescheinigt er dagegen das Potenzial, ein revolutionärer Bautypus zu sein, der viele innerstädtische Probleme löst und gleichzeitig ein weltweiter Exportschlager“ wird. Mit diesen Worten spricht er wohl auch im Sinne der Initiatoren des Internationalen Hochhauspreises. Und er erweist dem Hochhaus generell einen Dienst: Es bleibt im Gespräch und das nicht nur in Fachkreisen. Das könnte eine wichtige Voraussetzung sein, um bei Zukunftsfragen eine tragende Rolle zu spielen.

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