Weil am Rhein – das ewige Für und Wider bei Shoppingcentern

28. August 2012
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Geplante Shoppingcenter sind ja immer wieder einmal ein beliebtes Thema. Warum? Weil sie häufig für soviel spannenden Konfliktstoff sorgen wie etwa in den letzten Jahren in Weil am Rhein. Hier sollte ein neues Center gebaut werden. Dann gab es einen Bürgerentscheid, das Projekt wurde gestoppt und nun gibt es einen zweiten Anlauf mit einer etwas kleineren Center-Variante. Geschichten rund um Centerprojekte scheinen sich häufig zu wiederholen. Sie sind geprägt vom Streit zwischen deren, die Einkaufscentern auch für etablierte Händler in Innenstädten eine Magnetwirkung nachsagen, und denen, die für den etablierten Handel in der City abgezogene Kaufkraft fürchten. Endgültig entschieden wird dieser Streit wohl nie.

Die Einkaufscenter-Geschichte von Weil am Rhein

Das Aus fürs geplante Westend in Weil am Rhein kam im Juli 2011. In einem Bürgerentscheid entschied sich die Mehrheit der teilnehmenden Bürger der Stadt gegen das vom Unternehmen MAB Development geplante Projekt. MAB hatte unter dem Namen „Westend“ ein etwa 25.000 m² großes Center an der sogenannten Hangkante am Bahnhof von Weil am Rhein geplant und der Stadtrat hatte dem Projekt mit großer Mehrheit zugestimmt. Schaut man sich die Wurzeln des damals gekippten Projekts an, trifft man auf ein anderes großes Unternehmen im Einkaufscenter-Bau: die mfi. Sie hatte damals den Bau eines neuen Einkaufscenters in Weil am Rhein angeregt. Dann kam jedoch die Ausschreibung des Projekts und die MAB machte das Rennen… bis zum Juli 2011.

Die Stadt fürchtete nach dem Aus fürs Westend, man habe potenzielle Investoren nun endgültig abgeschreckt, schrieb die Badische Zeitung im August 2012. Dem war jedoch nicht so. Für einen neuen Anlauf an der Hangkante haben sich mfi und MAB nun verbündet und Weil am Rhein Pläne für ein verkleinertes Einkaufscenter mit etwa 20.000 m² Verkaufsfläche am Standort vorgestellt. Dieses Mal würde die Investorenseite aber gerne frühzeitig auf Bürgerbeteiligung setzen, um möglichen Widerstand zu begrenzen oder gar zu verhindern. Zugleich – so heißt es in der Badischen Zeitung – wären die Investoren bereit, sich finanziell an der Verlängerung einer Straßenbahnlinie in die Innenstadt von Weil am Rhein zu beteiligen. Diese Tram-Verlängerung ist ein für die Stadt wichtiges Projekt, um die Innenstadt zu stärken. Nur gemeinsam können das neue Center und die Innenstadt sich als attraktiver Einzelhandelsstandort etablieren, scheint das Credo zu lauten. Mittlerweile ist es offenbar so, als habe der Vorstoß von mfi und MAB auch weitere Investoren angelockt, die daran interessiert sind, das neue Einkaufscenter zu bauen. Da sich allerdings einige fürs Projekt wichtige Grundstücke in den Händen der Kooperation mfi/MAB befinden, dürften sie es relativ schwer haben.

Das ewige Für und Wider

Weil am Rhein liegt an einem interessanten Standort im Dreiländereck Deutschland, Schweiz und Frankreich. Zu den Nachbargemeinden gehören die französischen Gemeinden Village-Neuf und Huningue sowie Riehen und die große Stadt Basel in der Schweiz. Als Projektentwickler mit Einkaufscenter-Plänen kann man deshalb durchaus auf Einkaufstourismus aus dem Ausland hoffen. Man muss sich umgekehrt aber auch der Konkurrenz ausländischer Einkaufscenter stellen. Das zeigt einmal mehr, dass jedes geplante Einkaufscenter in eine einmalige Lage hineinwachsen soll, die beim Streit um ein Für oder Wider nur bedingt pauschale Argumente zulässt. Andererseits sind die Argumente dann doch immer ähnlich: Die einen sehen das geplante Projekt als Magnet, das Kaufkraft auf eine Weise bindet, die auch dem bereits bestehenden Handel zugute kommt. Die anderen fürchten Lärm durch mehr Verkehr und sie fürchten, das bisweilen eine Gemeinsamkeit von neuem Center und altem etablierten Handel verherrlicht wird, die später in der Realität gar nicht gegeben ist. Letztere können ihre Argumentationskette jetzt eventuell mit den Informationen aus einem Artikel schmücken, der am 20. August in der Onlineausgabe der Zeitung „Welt“ veröffentlicht wurde.

Innenstädte und Kaufkraft

Der mit der Überschrift „Wie Unkraut“ betitelte Artikel der „Welt“ setzt sich sehr kritisch mit der Tendenz auseinander, Einkaufscenter nun verstärkt selbst in kleinen Städten zu planen und zu bauen. Als Beispiele, in denen das Zusammenspiel zwischen Center und etabliertem Innenstadthandel nicht funktioniert hat, nennt die Zeitung „Hameln, Siegen, Wetzlar und manch andere Stadt“. Ganze Straßenzüge seien dort in die „geschäftliche Verwahrlosung abgesunken“, heißt es. Zugleich wird eine noch nicht abgeschlossene Studie der Diplom-Ökonomin Monika Walther in der Zeitung zitiert. Ihr zufolge ist der Verkehrswert von Einzelhandelsimmobilien in Innenstädten, die um ein innerstädtisches Center ergänzt wurden, um rund ein Viertel gesunken. Man sollte dennoch vorsichtig bei der Meinungsbildung bleiben. Wie bereits geschrieben: Jeder Standort ist anders, besitzt eigene Chancen und birgt eigene Risiken für das Zusammenspiel von Center und etabliertem Innenstadt-Handel, der mancherorts aktuell vielleicht mit oder ohne zusätzliches Center leidet.

Die wachsende Anzahl an Einkaufscentern in Deutschland ist schon bemerkenswert. 1990 habe es nicht einmal 100 gegeben, zwei Jahrzehnte später seien es 644, schreibt Welt Online. Da die Kaufkraft nicht in demselben Maße wie das Kaufangebot ansteigt, kann das vielleicht nur in einen mörderischen Konkurrenzkampf ausarten? „Der private Konsum in Deutschland ist zusehend eine wesentliche Stütze der Konjunktur“, schreibt die GfK Gesellschaft für Konsumforschung in ihrem jüngsten Statement zum Konsumklima in Deutschland. Aber was mag passieren, wenn Stromkosten tatsächlich um 30 Prozent steigen, wenn Deutschland nicht mehr wie abgeschirmt gegen die Krisen anderer europäischer Länder wirkt? Niemand sollte allzu schwarz malen, aber andererseits sollte auch niemand allzu blauäugig sein.

Wie definiert man Innenstadt?

Und was ist jetzt mit dem kleinen innerstädtischen Handel? Vielleicht muss man auch einmal darüber nachdenken, einige Zentren kleinerer Städte anders zu definieren, um wirklich ein attraktives Gesamtpaket für Einheimische und Gäste zu entwickeln? Vielleicht könnte man die Zentren weniger als Handelsareal kleinerer Händler sehen, die mit Einkaufszentren konkurrieren, mehr als Freizeitfläche mit Mehrwert durch Cafes, integrierte Möglichkeiten für spielende Kinder, Begegnungsstätten für Bürger mit Cafes, Restaurants und ganz speziellem Handel, als Bühne für Straßenkünstler, die Menschen locken, von denen dann die speziellen Angebote im Stadtzentrum profitieren? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Auch solche Pläne könnten scheitern, speziell wenn das Geld weniger locker sitzt. Und sie würden mit Sicherheit mach einem innerstädtischen Händler das Genick brechen, der nicht in solch ein Konzept passt. Es bleibt schwierig. Einkaufscenter und Innenstädte schreiben nur selten einfach strukturierte Geschichten.

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