Plattenbau im Osten Deutschlands – Abriss oder Sanierung?

14. Februar 2011
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Im Vergleich zu kalten, feuchten Altbauen seien Plattenbauten Luxus und innovativ gewesen, sagte der ehemalige DDR-Designer Rudolf Horn am achten Februar 2011 im auf der Online-Plattform „News.de“ veröffentlichten Interview. Mittlerweile wird diese Ansicht wohl eher selten vertreten und viele ostdeutsche Kommunen überlegen, was sie mit den Plattenbauten auf ihrem Areal anfangen. Dort, wo die Bevölkerung schwindet, werden Plattenbauten vor allem am Stadtrand gerne einmal abgerissen. Beim Stadtumbau Ost scheinen sie oftmals fehl am Platze zu sein. Anderswo wird saniert und darüber diskutiert, inwieweit Plattenbauten als typische Exemplare von Architektur in der ehemaligen DDR schützenswerte geschichtliche Denkmäler sind.

Ein Instrument gegen Wohnungsmangel

Der Plattenbau ist keine DDR-Erfindung und auch keine Bauweise, die auf die ehemalige Deutsche Demokratische Republik beschränkt war. Und doch sind Plattenbauten in den Köpfen vieler Deutscher fester mit der DDR verbunden als mit jedem anderen noch existenten oder aufgelösten Staat. Tatsächlich spielte die Plattenbauweise in der DDR eine wichtige Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte auch dort Wohnungsmangel und Plattenbauten waren für den ostdeutschen Staat die Antwort auf dieses Problem. Plattenbauten werden in erster Linie aus fertigen Betonbauteilen gebaut, aus Platten, die man direkt auf der Baustelle zum Haus montiert. Durch Individualität und architektonische Finesse haben sich viele dieser Bauten nicht ausgezeichnet. Dennoch scheinen sie das Grundbedürfnis „Wohnen“ in der DDR zumindest zeitweise zufriedenstellend gedeckt zu haben. Versuchsfelder mit Plattenbauten entstanden bereits in den 50er Jahren, etwa in Hoyerswerda oder in Berlin-Johannisthal. Ab 1972 wurde der Plattenbau durch ein staatliches Wohnungsbauprogramm der DDR dann quasi offiziell zum Instrument im Kampf gegen Wohnungsmangel.

Das Beispiel Halle-Neustadt

Teils wurden ganze Städte wie das mittlerweile wieder in die Stadt Halle eingegliederte Halle-Neustadt in Plattenbauweise realisiert. Der Bau von Halle-Neustadt als Chemiearbeiterstadt begann 1963. 1967 wurde die geplante Arbeiterstadt zur eigenständigen Stadt erklärt, noch bevor der erste Plattenbau fertig gestellt war. Halle-Neustadt blieb selbstständig bis 1990. Seine Plattenbauten waren von viel Grün umgeben, was nicht für jede Plattenbausiedlung galt. Was fehlte, war und ist ein Stadtkern, sind attraktive öffentliche Räume, die Menschen reizen, Begegnung ermöglichen. Zeitweise lebten über 90.000 Menschen in Halle-Neustadt, mittlerweile sind es weniger als 50.000. Teils wurde der Schwund mit Abriss von Häusern beantwortet. Eine neue Identität für das einstige Musterprojekt der DDR wird noch gesucht. Bilder von Neustadt-Halle werden seit Ende Januar 2011 auch in der Wanderausstellung „Die Prägung der Stadt durch den Nachkriegsstädtebau“ im Mitteldeutschen Multimediazentrum in Halle gezeigt. „Die Hälfte der Wohnimmobilien in Deutschland sei nach 1945 entstanden“, wird Falk Zeitler als Hallenser Landesvorsitzender des Bundes der Deutschen Architekten im Onlineportal der Mitteldeutschen Zeitung zitiert. „Viele Bewohner seien eng mit diesen Bauten verbunden.“ Das mag vielleicht auch für manch einen Plattenbau gelten?

Abriss in schrumpfenden Städten

Dennoch ist Abriss oftmals der eingeschlagene Weg bei diesen Bauwerken, um schrumpfende Städte an neue Gegebenheiten anzupassen. Alleine in Sachsen sollen bis zum Jahr 2010 insgesamt etwa 100.000 Wohnungen abgerissen worden sein, sodass die Leerstandquote in Wohnbauten dort nach Medienangaben nur noch bei fünf Prozent liegt. Weitere 150.000 abgerissene Wohnungen – vor allem in Plattenbau-Siedlungen – müssen folgen, um dem Bevölkerungsschwund Rechnung zu tragen, meint Sachsens Innenminister Markus Ulbig. Manch einer bedauert allerdings, dass bisweilen zu schnell abgerissen wird. In der schrumpfenden Stadt Frankfurt an der Oder formierte sich beispielsweise bereits 2008 Widerstand gegen die Abrisspolitik, weil vor allem ältere Mieter nicht aus gewachsenen Strukturen herausgerissen werden wollten. Ebenfalls in der brandenburgischen Stadt entstand durch eine Initiative von Studenten aus einem bereits für den Abriss vorgesehenen Plattenbau das Verbündungshaus Forst“, eine Mischung aus Mietshaus und multikulturellem Studentenwohnheim. Abriss bedeutet oftmals auch die Zerstörung gewachsener Strukturen. Sie ist manchmal notwendig, sollte pauschal aber nicht immer erste Wahl sein?

Plattenbau – Pauschalurteile sind deplatziert

Was tun mit den ehemals gelobten Plattenbauten, von denen nicht nur Architekten viele heute eher für Bausünden halten? Abreißen mag tatsächlich dort eine Lösung sein, wo hohe Leerstände den Wandel einer Stadt nötig machen. Anderswo scheint Sanieren die bessere Alternative zu sein. Dass sich das Image eines Betonklotzes dabei wegsanieren lässt, hat sich beispielsweise bei einem Plauener City-Plattenbau gezeigt, den die Wohnungsbaugesellschaft Plauen derzeit saniert. Die alten Balkone wichen Wintergärten mit Faltfenstern, Naturstein soll den Bau verkleiden und eine neue Wärmedämmung wird es auch geben. Erstaunlich, wie sich so ein Plattenbau verwandeln kann. Es ist nicht unbedingt nur Ostalgie, sich hier und da für den Bestand einzusetzen. Für manch einen gehört er zur selbst gelebten Geschichte. Das völlig zu ignorieren, wirkt nicht wie eine gute Lösung.