Der Plattenbau als attraktive Wohnlage

7. Oktober 2013
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Trister, grauer Plattenbau war mal. Heute residiert man in Berlin an der Leipziger Straße in acht Wohntürmen mit schickem Innenleben und grandiosem Ausblick. Früher wurden hier DDR Funktionäre in einheitlich sozialistischen Wohnungen übereinander gestapelt, heute gilt die Leipziger Straße als eine von Berlins Goldmeilen.

Die Interessenten wollen hoch hinaus
Die Wohntürme an der Leipziger Straße sind heutzutage zu attraktiven Kauf- und Mietobjekten geworden, allerdings erst von der zehnten Etage an. Denn ab dieser Höhe eröffnet sich der großartige Blick gen Süden, über den Tiergarten und den Hauptbahnhof bis in die westliche Richtung. Weil die deutsche Hauptstadt sonst nur wenige Hochhäuser hat, kann der Blick von der Leipziger Straße aus vollkommen frei über das Häusermeer hinweg schweifen. In der gesamten Innenstadt gibt es nur ganze acht Hochhäuser. Noch seltener sind in Berlin Wohn-Hochhäuser zu finden. Die Türme an der Leipziger Straße sind mit ihren 75 Metern die höchsten Wohnhäuser der ganzen Stadt. Umso begehrter sind die höher gelegenen Wohnungen bei potentiellen Käufern und Mietern. Die Interessenten stehen stets Schlange, um eines der raren Objekte zu ergattern. Die acht Türme verfügen insgesamt über 1.400 Wohnungen mit ursprünglich zwei, drei oder vier Zimmern. Etwa 1.000 davon sind Eigentumswohnungen, alle anderen werden von der kommunalen Wohnungsgesellschaft Berlin Mitte vermietet.

Moderner und flexibler Wohnraum
Die Plattenbauten an der Leipziger Straße wurden Mitte der 1970er Jahre als sozialistische Antwort auf das West-Berliner Springerhochhaus erbaut. Die nahe der Mauer befindliche Wohnlage war ausschließlich linientreuen Parteigenossen vorbehalten. Acht Wohntürme wurden damals in Stahlskelettbauweise errichtet und sind deshalb durch die neuen Besitzer von heute besonders flexibel zu verändern. Die Wände innerhalb der Wohnungen lassen sich wegen dieser speziellen Bauweise relativ einfach versetzen. So sind heutzutage hochmoderne Wohnungen in den einstigen Funktionärskasernen entstanden. Viele Eigentümer gestalten ihre vier Wände nach individuellem Geschmack um, legen manchmal sogar mehrere Wohnungen zusammen. Der Sprecher der Eigentümergemeinschaft Michael Böhm hat sich beispielsweise ein traumhaftes Loft in der 22. Etage verwirklicht. Aus ursprünglich drei Wohnungen hat der Medizinforscher sich eine 150 Quadratmeter große, sehr individuell gestaltete Bleibe geschaffen. Mit bodentiefen Fenstern und einer riesigen Terrasse ausgestattet thront er hoch oben über der Hauptstadt. Dort hat er den unbeschränkten Blick in den Norden und den Osten Berlins.  Ein ehemaliger Botschafter nennt in unmittelbarer Nachbarschaft eine ganze Etage mit 200 Quadratmetern sein eigen. Ansonsten teilen sich hauptsächlich Politiker und auswärtige Geschäftsleute den begehrten Wohnraum der Türme in der Leipziger Straße. Schon beim Betreten des Eingangsbereichs bemerkt der Besucher, dass man hier luxuriös residiert. Die gläserne Lobby ist zuweilen mit einem roten Teppich ausgelegt und verfügt über einen Portier. Mancher Eigentümerzusammenschluss leistet sich den. Im Kontrast dazu wohnen aber auch noch angestammte Mieter aus den sozialistischen Anfängen der Türme hier.

Außen DDR Charme, innen Luxus pur
Aus den früher Arbeiterschließfächer genannten Plattenbauwohnungen werden nach dem Umbau Studios, Lofts oder City-Appartements. Um frei werdende Objekte scharen sich sogleich zahlungswillige Interessenten, viele davon aus dem Ausland. Selbst so mancher Makler wird von dem internationalen Ansturm überrascht. Preise von bis zu 3.500 Euro pro Quadratmeter werden hier bei Neuverkäufen erzielt. Keineswegs üblich für ehemalige sozialistische Plattenbauten. Dabei versprühen die acht Wohntürme von außen immer noch den spröden Charme ihrer DDR Vergangenheit. Und auch im Inneren ist das Ambiente vor den Wohnungseingängen mitunter eher trostlos. Die Hausflure mit ihren engen Gängen gestalten sich größtenteils schmucklos und lassen den Luxus hinter den Wohnungstüren kaum vermuten. Weder potentielle Mieter noch Kaufinteressen lassen sich jedoch von solchen Relikten aus der sozialistischen Vergangenheit abschrecken. Es ist im Gegenteil unter Berlins junger Bevölkerung schick geworden, unter frei gelegten Plattenbau-Stahlträgern zu wohnen. Blanke Betonwände ergänzen das hippe Wohnambiente aus DDR Erbe. Diese Art des Wohnens löst für manchen Architekturbegeisterten schon den Charme der Stuckdecken in den Gründerzeitbauten ab. Unter den Interessenten sind bei frei werdenden Wohnungen so auch immer mehr Architekten, die vor allem mit den vielen Anwärtern aus dem hauptstädtischen Regierungsviertel um die gefragten Objekte in der Leipziger Straße konkurrieren.

One Comment

  1. Karsten Aßmann-Funk | A-F-Immobilien 9. Oktober 2013 08:56

    Gefällt mir sehr, so könnten auch andere 70er-Bausünden noch hip werden!