Einzelhandel auf dem Dorf – kommt Tante Emma wieder?

13. Mai 2012
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Viele Eigentümer kleiner Einzelhandelsflächen in ebenso kleinen und kleinsten Dörfern Deutschlands haben aufgegeben und die Handels-Flächen ihrer Immobilie irgendwie umgenutzt. Deutschland ist mobil und Kilometer weit entfernte große Supermärkte sind meistens nicht zu weit entfernt. Shoppingcenter wachsen wie Pilze aus dem Boden und machen verbliebenen dörflichen Einzelhändlern das Leben schwer. Und wenn für dörfliche Einzelhändler das Leben schwer wird, wird es zugleich nicht unbedingt einfacher für all diejenigen, die den Händlern Handelsfläche im dörflichen Raum bieten. Einen gewissen Gegentrend bedeuten Dorfläden, die mancherorts in deutschen Dörfern auftauchen und den lokalen Nahversorgungs-Bedarf decken sollen.

Ein vergrößerter Dorfladen statt Schlecker?

Schlecker verließ Bromskirchen Anfang des Jahres. Bromskirchen gehörte als hessische Gemeinde im Landkreis Waldeck-Frankenberg mit seinen knapp 2.000 Einwohnern wohl eher nicht zu den Schlecker-Standorten, deren Erhalt sich gelohnt hätte. Nun steht das Ladenlokal leer, aber vielleicht nicht allzu lange. Der seit 2007 vom Dorfladenverein betriebene Dorfladen der Gemeinde vergrößert sich möglicherweise schon bald durch einen Umzug in die ehemalige Schleckerfiliale, falls die Verhandlungen über Miete, Förderanträge und einen Nachtragshaushalt 2012 der Gemeinde fürs Projekt günstig ausgehen. Der Dorfladenverein braucht Hilfe. Obwohl der Dorfladen ohne Defizite laufen soll, wirft er dennoch nicht soviel ab, dass seine Betreiber ausreichend Rücklagen haben, um den Umzug ohne Hilfe zu stemmen. Geht alles nach Plan, könnte Bromkirchens Dorfladen bereits im Juli 2012 umziehen. Den Dorfladenverein würde das freuen. Den Eigentümer der ehemaligen Schlecker-Ladenfläche wohl auch.

Der Mehrfachnutzen der Dorfläden

Dorfläden sind zunehmend eine Antwort auf fehlende Nahversorgung im ländlichen Raum, wobei mit nah „ganz nah“ gemeint ist. Im Allgemeinen liegt das nächste Shoppingcenter auch von besonders abgelegenen Dörfern in Deutschland nicht zu weit entfernt. Um einen kurzfristigen Bedarf zu decken, ist aber auch das bisweilen zu weit. Hier können Dorfläden in die Bresche springen und so bestenfalls gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie geben einer Immobilien im Dorf eventuell einen neuen Nutzen. Sie sind Einkaufsmöglichkeit im „Ganz nah“ Bereich und sie erhöhen im günstigsten Fall auch die Attraktivität des Lebens im Dorf. Das kann zumindest mancherorts ein kleiner Tropfen auf den berühmten heißen Stein im Kampf gegen Abwanderung sein. Dorfläden können sich oft besser als Andere am Bedarf ihrer Kundschaft orientieren. Sie sind bisweilen zugleich Nahversorger mit Lebensmitteln und Postfiliale, integrieren mitunter auch eine Leihbücherei oder einen sozialen Treffpunkt und können Kundenwünsche besser als die Großen für ihr Sortiment aufgreifen. Sie müssen das auch tun: um zu überleben.

Der Dorfladen ist kein Einzelfall

Anders als kleine Supermärkte, die man in Dörfern findet, sind die Betreiber von Dorfläden häufig Vereine oder Genossenschaften. Laut eines Berichtes der Süddeutschen Zeitung soll es alleine in Bayern immerhin schätzungsweise dreihundert solcher Dorfläden geben. Ein rein bayerisches Phänomen sind die Dorfläden indes nicht. Durchstöbert man das Internet, trifft man gleich eine ganze Reihe von ihnen. In Kevelaer-Kervenheim (Kreis Kleve; NRW) wird beispielsweise gerade ein Ladenlokal für solch einen Dorfladen saniert, wobei viel auf Eigenleistung der Dorfbewohner gesetzt wird. Geht in Villingen (Stadtteil von Hungen, Landkreis Gießen, Hessen) alles nach Plan, wird dort bald für 400.000 Euro eine Scheune zum Dorfladen mit verschiedenen Funktionen umgebaut. Im Gegensatz zu vielen anderen und vergleichbaren Projekten ist hier allerdings ein Unternehmen an der Realisierung beteiligt: die Firma Tegut, die nach Auskunft des Gießener Anzeigers bisher als einziger Anbieter „ein durchgängiges System für Dorfläden entwickelt hat“.

Tante Emmas Leben bleibt hart

In den Dorfladen-Projekten so etwas wie die Renaissance des Tante-Emma-Ladens zu sehen, ist wahrscheinlich etwas übertrieben. Aber sie zeigen, dass solche Läden in modifizierter Form möglicherweise doch eine Zukunft haben. Ganz einfach ist Tante Emmas Leben heutzutage aber nicht. In der Ortsgemeinde Uelversheim in Rheinland-Pfalz (Landkreis Mainz-Bingen) schließt der 2007 etablierte Dorfladen aufgrund zu schlechter Geschäftszahlen. Und der bereits 2001 eröffnete Dorfladen im bayerischen Täfertingen (Landkreis Augsburg), der einem Berufsbildungswerk zugleich zur Ausbildung lernschwacher Jugendlicher diente, schließt im Sommer dieses Jahres aufgrund eines nicht verlängerten Mietvertrages. Reich wird wohl kaum jemand mit einem Dorfladen. Und ein einfaches Leben haben auch längst nicht alle Betreiber. Dorfläden sind eine Chance: für Dörfer und ihre Bewohner, für dörfliche Immobilien und Strukturen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

One Comment

  1. Karsten Aßmann-Funk | A-F-Immobilien 15. Mai 2012 09:16

    Denken wir doch mal 10 Jahre weiter: leben in den Städten wird immer teurer, gleichzeitig werden auch die Kosten für Mobilität weiter steigen. Wer dann auf dem Land lebt, wird wahrscheinlich froh sein, einen Ganz-Nah-Versorger zu haben.