Bertelsmann-Studie: Was ist denn da in Jena/Deutschland los?

28. Juli 2013
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Die Miete lässt ärmeren Familien in vielen großen Städten Deutschlands fürs Leben nicht einmal den SGB-II-Regelsatz von 1.169 Euro/Monat. Diese Kernaussage stammt aus der Studie „Wohnungsangebot für arme Familien in Großstädten“, die jüngst von vielen Medien zitiert wurde. Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung haben die Studienautoren unter anderem die Wohnkosten und das Wohnungsangebot für Familien mit niedrigem, teils auch mittlerem Einkommen in den bundesweit 100 einwohnerstärksten Städten analysiert. Die Studie offenbart nicht alleine, wie sehr Mietkosten in Großstädten mittlerweile das zur Verfügung stehende Geld derer reduzieren, die keine sonderlich hohen Einkünfte generieren. Auch für die auf städtischen Märkten bereits länger beobachteten Verdrängungstendenzen ärmerer Bevölkerungsschichten aus der Innenstadt und für die Konzentration (relativ) preisgünstigen Wohnraums auf wenige Viertel bietet die Studie Indizien. Einige der Daten, die sie präsentiert, zeigt ein Blick auf die Stadt Jena, die teils eine besonders ungünstige Wohnsituation für Einkommensschwache zu bieten scheint.

Die Situation in Jena

Jena ist Großstadt im Thüringer Kreis, hat knapp 107.000 Einwohner (Stand Ende 2012), ist Standort einer Universität, zudem bekannt als Lichtstadt sowie als Stadt der optischen Industrie. Betrachtet man die Zahlen der Bertelsmann-Studie, scheint Jena auch eine Stadt zu sein, die einkommensschwachen Familien die Suche nach für sie finanzierbarem Wohnraum schwermacht. Laut Studie bleiben einer 4-köpfigen einkommensschwachen Familie in Jena nach Abzug der Miete nur 666 Euro pro Monat. Jena bildet damit das Schlusslicht. Zur Berechnung der Zahl wird einerseits von einer Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern im Alter unter 14 Jahren ausgegangen, deren Einkommen auf der lokalen Armutsschwelle liegt. Als „arm“ wird eine Familie definiert, die „über weniger als 60 Prozent des ortsüblichen Äquivalenzeinkommens“ verfügt. In Jena liegt die Armutsschwelle laut Studie bei 1.366 Euro pro Monat.

Andererseits haben die Studienautoren eine Durchschnittsmiete der für Familien geeigneten Wohnangebote im unteren Preissegment errechnet. Als ein für Familien geeigneter Wohnraum wurde Wohnraum mit einer Mindestgröße von 75 m² und drei Zimmern festgelegt. Die Durchschnittsmiete für den oben definierten Wohnraum liegt laut Studie in Jena bei 700 Euro pro Monat, Das bedeutet: Wer in Jena genau an der Armutsschwelle lebt, zahlt 51,2 Prozent seines Einkommens für die Miete und hat mit den verbleibenden 666 Euro pro Monat zugleich nur noch 43 Prozent des SGB-II-Regelsatzes von 1.169 Euro/Monat zum Leben. Wenngleich Jena damit den Extrempol bildet, ist es keinesfalls die einzige Stadt, in der einkommensschwachen Familien nach Abzug der Miete weniger als der Regelsatz bleibt. In 60 von 100 ist die Lage so. Das ist erschreckend, soll aber nicht ganz ohne ein positiveres Beispiel bleiben. Heilbronn bildet das andere Ende der Skala. Nach Abzug der Miete verbleiben ärmeren Familien hier 1.941 Euro/Monat. Diese Summe liegt 66 Prozent über dem SGB-II-Regelsatz.

Finanzierbare Angebote befinden sich eher außerhalb

Es gibt noch weitere Zahlen, die für einen Jenaer Wohnungsmarkt sprechen, der für einkommensschwache Familien eher schwierig ist. Laut Studie sind in Jena insgesamt 29 Prozent aller Wohnungsangebote für Familien geeignet (Durchschnitt in allen untersuchten Städten: 43 Prozent). Geht man davon aus, dass die Wohnungskosten etwa ein Drittel der Gesamteinnahmen nicht übersteigen sollten, wären von allen familientauglichen Jenaer Wohnungen nur sechs Prozent für Familien mit mittlerem Einkommen geeignet (Durchschnitt in allen untersuchten Städten: 35 Prozent) und nur ein einziges Prozent käme für einkommensschwache Familien in Betracht (Durchschnitt in allen untersuchten Städten: 12 Prozent).

Und noch zwei weitere Kennzahlen: die Konzentrations- und die Entfernungskennziffer. Einfach ausgedrückt, gibt die Konzentrationskennziffer an, wie sehr sich der für Familien mit niedrigem bzw. mittlerem Einkommen finanzierbare Wohnraum auf wenige Wohnquartiere konzentriert. Die Werte schwanken zwischen einem Prozent (sehr hohe Konzentration) und 50 Prozent (gleiche Verteilung auf alle Wohnquartiere). Für Jena ergibt sich bei Familien mit mittlerem Einkommen ein Wert von sechs Prozent, der deutlich näher an der Konzentration als an der Gleichverteilung liegt. Der Referenzwert für alle untersuchten Städte erreicht 15 Prozent. Bei Familien mit geringem Einkommen gibt es für Jena keine Konzentrationswerte; als Durchschnittswert für die Gesamtheit der untersuchten Städte ergaben sich neun Prozent.

Die Entfernungskennziffer gibt an, in welchem Umkreis zwischen einem und 50 Kilometern um den Stadtmittelpunkt ein Prozent der Familien mit mittlerem Einkommen eine für sie bezahlbare Wohnung finden würden. Für die Bezahlbarkeit gilt auch hier: Mietkosten sollten 1/3 der Einnahmen nicht übersteigen. Bei der Berechnung der Entfernungskennziffer wurden Familien mit mittlerem und nicht mit niedrigem Einkommen betrachtet, weil die Wohnraumversorgung für ein Prozent der ärmeren Familien selbst im Umkreis von 50-Kilometer ums Zentrum laut Studie in kaum einer Stadt-Zone gewährleistet ist. Ergebnisse für Jena: Legt man den Durchschnitt der Familieneinkommen ALLER Familien der Stadt zugrunde, so findet ein Prozent der Familien innerhalb von vier Kilometern rund ums Stadtzentrum eine finanzierbare Wohnung.Legt man allerdings nur das niedrigere Durchschnittseinkommen der Familien in der mittleren Einkommensgruppe zugrunde, liegt der Umkreis bereits bei 20 Kilometern. Beim Blick auf alle untersuchten Städte sind es im Durchschnitt acht Kilometer.

Alles schlecht in Jena?

Ist nun alles schlecht in Jena? Sicherlich nicht! Jena dient hier nur als ein Beispiel für das, was sich aus der Studie herauslesen lässt, weil die Stadt bei einigen Kennziffern Schlusslicht gewesen ist. Dieser Artikel ist aber keiner, der mögliche Fehler beim Wohnungsbau in Jena anprangert, weil er das nicht ohne eine Analyse kann, die den Rahmen eines Artikels deutlich übersteigen würde. Es wird zahlreiche Einflussfaktoren geben, die zur Situation in der Stadt geführt haben und sicherlich sind auch längst nicht alle in hohem Maße direkt von lokaler Politik beeinflussbar. Eine Mitverantwortung der Politik an der schwierigen Wohnsituation von Menschen mit geringerem Einkommen komplett auszuschließen, dürfte der lokalen Politik aber wohl schwerfallen. Und dasselbe gilt wohl auch in anderen Städten, in denen für Einkommensschwache bezahlbarer Wohnraum fehlt.

Die Studie sagt nichts darüber aus, wie sehr Umgebung, Stadtbild sowie Angebote in Bereichen wie Nahversorgung, Bildung und Kultur in Jena Chancen auf eine hohe Lebensqualität bieten, wenn die Finanzierbarkeit von Wohnraum kein Problem darstellt. Anders ausgedrückt: Sie sagt nichts darüber aus, inwieweit Jena ganz allgemein ein attraktiver Wohnort ist. Aber sie eignet sich wohl als ein klares Indiz dafür, dass ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum für Einkommensschwache deutlich mehr ist als eine Klage ohne jeden Grund. Und ganz grundsätzlich – bezogen auf alle Städte – stellt sich vielleicht auch die Frage, ob man nicht bisweilen zu viel über architektonisch und ökologisch herausragende Wohnprojekte nachdenkt, die sinnvoll, gut und interessant sind, aber eine Klientel bedienen, die vielleicht bereits sehr gut bedient wird? Daraus ergibt sich dann auch die Frage, ob man nicht zu wenig von kreativen Wohnprojekten für Menschen mit niedrigem Einkommen liest, die ihren Bewohnern zwar nicht den Luxus der Projekte für reichere Bewohner bieten können, aber mit Kreativität vergleichsweise geringe Investitionen ein Stück weit kompensieren, um Wohnraum zu schaffen, der trotz einfacher Standards bezahlbare Lebensqualität für seine Bewohner bietet.

Eine Onlinefassung der Studie kann kostenlos im Internet abgerufen werden.

Zusätzlich gibt es eine Internetseite, auf der Städteprofile abrufbar sind, die auf Basis der Studienergebnisse entstanden sind.

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