Bocholt – Hertie-Städte in der Nach-Hertie-Zeit

18. September 2012
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Es gibt Großstädte, Mittel- und Kleinstädte und es gibt Hertiestädte. Hertiestädte sind mittelgroß und haben durch den Rückzug von Hertie einen hässlichen Ort des Leerstands im Zentrum. Vielen von ihnen ist gemeinsam, dass sie nach wie vor nach einer Lösung für die Nach-Hertie-Zeit suchen. Nun haben sich Vertreter diverser Standorte ehemaliger Hertiefilialen mit weiteren Akteuren rund um die Zukunft von Ex-Hertie-Immobilien getroffen und möglicherweise Bewegung in die Suche nach tragfähigen Lösungen für die Zukunft der Städte gebracht. Allerdings müssen sich solche Treffen das Vertrauen manch einer Kommune erst einmal verdienen, die vielleicht bereits zu viele missglückte Lösungsansätze gesehen hat? Zu diesen eher skeptischen Städten gehört etwa Bocholt im nordrhein-westfälischen Kreis Borken.

Hertie-Städte und die Bingener Erklärung

Das Treffen zur Zukunft der ehemaligen Hertie-Immobilien und -standorte fand am 13. September 2012 in Bingen auf der Burg Klopp statt. 25 Vertreter von insgesamt 31 Kommunen waren dabei. Daneben waren auch der Niederländer Maar­ten van Ingen als Insolvenzverwalter anwesend, die Rechtsanwaltskanzlei Hatsfield Philipps als Vertreter der Grundpfandrechtsgläubiger, die Deutsche Bank, das Unternehmen CR Investment Management GmbH, das sich künftig um die Vermarktung der Immobilien kümmert, Vertreter des Deutschen Städte- und Gemeindebundes sowie des Wirtschaftsministeriums. Ein Ergebnis des Treffens war die Binger Erklärung der Hertie-Städte. „Markante, die Innenstädte prägende Kaufhausgebäude verkommen zusehend zu Bauruinen. Dieser Zustand kann nicht weiter hingenommen werden. ‚Eigentum verpflichtet’, dieser Rechtsgrundsatz gilt auch für die Eigentümer dieser Gebäude“, steht zusammen mit diversen Forderungen in diesem Dokument. Gefordert wird unter anderem vom Insolvenzverwalter, „ernsthaft Verhandlungen mit Kaufinteressenten zu führen und zum Abschluss zu bringen“. Eine weitere Forderung ist der Abschluss von Verwertungsvereinbarungen innerhalb eines Monats. Ein Termin für das nächste Treffen besteht mit dem 22. November bereits.

Die Situation in Bocholt

Bocholt hat am 13. September nicht am Treffen teilgenommen. „Warum?“ fragte etwa das „Bocholter Borkumer Volksblatt“ und erhielt  vom Bürgermeister Bocholts, Peter Nebelo, die Antwort, es sei halt einmal wieder ein Treffen gewesen und Bocholt würde sowieso auf dem Laufenden gehalten. Man kann ihm diese Haltung wohl nicht übel nehmen. Irgendwann beginnt man wohl, irgendwelchen Treffen zu misstrauen, wird sparsam mit der eigenen Hoffnung, die man investiert. Beim einen geht das schneller, beim anderen langsamer, aber enttäuschte Hoffnungen hat es wohl in den allermeisten Hertie-Städten bereits gegeben. Die ehemalige Hertie-Immobilie in Bocholt steht am Weg vom Bahnhof in die Innenstadt und ist leer stehend nicht unbedingt ein Schmuckstück. Hertie ging 2009. „Mit Hertie – vormals Karstadt – bricht ein bekannter Imageträger, den es seit Anfang der 70er Jahre in Bocholt gibt, weg. Es droht ein großer Leerstand“, schrieb Bocholts Bürgermeister Peter Nebelo damals auf Bocholt.de. Mittlerweile wird die Stadt vom Bund im Rahmen eines Modellvorhabens im Forschungsprojekt „Innovationen für Innenstädte“ beim Versuch unterstützt, ihr Zentrum wieder zu stärken. Die leer stehende Hertie-Immobilie spielt dabei natürlich eine Rolle. Sie biete 6.000 m² Verkaufsfläche in 1A-Lage, steht im Steckbrief des Modellvorhabens. Derzeit betreibt die Stadt Bocholt ein Zwangsversteigerungsverfahren wegen ausstehender Steuereinnahmen, heißt es im Steckbrief weiter, der auch Verantwortlichkeiten für den nach wie vor existierenden Leerstand benennt: Bis heute habe man für die Immobilie „aufgrund überzogener Kaufpreisvorstellungen der international agierenden Eigentümer noch keinen Käufer gefunden“.

Gemeinsam ist man stärker?

Die Stadt Bocholt bleibt auch neben dem Versuch, die Zwangsversteigerung der Immobilie zu initiieren, keineswegs untätig, um die Situation zu verbessern. So wurde die Ex-Hertie-Immobilie im Rahmen einer Fotokunst-Aktion im August verhüllt. Großformatige Fotos von über 500 Bewohnern der Stadt schmücken das Haus. Aktuell hat der Bauausschuss zudem eine Prüfung angeregt, ob das Areal an der Hertie-Immobilie und der Kreuzstraße Bocholts zum Sanierungsgebiet erklärt werden könnte. Würde das geschehen, hätte Bocholt Spezialrechte und könnte etwa über Immobilienverkäufe mitentscheiden. Bocholt wird also weiterkämpfen, so wie auch die anderen Hertie-Städte, in denen es bisher noch keine Lösung für die Nach-Hertie-Zeit gibt. Und vielleicht verspricht der Versuch, verstärkt zusammen als Hertie-Städte aufzutreten und den gemeinsamen Dialog mit anderen Akteuren zu suchen, ja doch Erfolge? Die Möglichkeit hält auch Bocholt nicht für ausgeschlossen. Beim Folgetreffen am 22. November wird die Stadt deshalb eventuell dabei sein. Und am Ende wird alles gut?

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