Detroit und die Albträume der Stadtplaner

5. Februar 2011
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„Schaut es euch gut an, ihr Stadtplaner und Strukturwandler“, ist man beim Blick auf die Ruinen von Detroit versucht zu sagen. Neu ist die Entwicklung Detroits nicht, die manch einer wohl nicht zu Unrecht als Niedergang bezeichnet. Dass viele Wolkenkratzer in Detroit Downtown verlassen sind, war bereits 2002 eine Nachricht wert. Etwa ein Drittel der Stadt soll mittlerweile leer stehen und unbewohnbar sein. Das Ganze ist auch dokumentiert worden: The Ruins of Detroit“ heißt ein Buch mit eindrucksvollen Fotos verlassener Immobilien in einer Stadt, die zu sterben scheint.

Aufstieg und Niedergang einer Stadt

Im Jahr 1900 hatte Detroit etwa 280.000 Einwohner. Dann kamen die Autos, kam die Massenproduktion von Fahrzeugen und Detroits Aufstieg wurde rasant. Zwischen 1910 und 1920 stieg die Einwohnerzahl von knapp 466.000 auf 993.000 und der Anstieg setzte sich in den kommenden Jahrzehnten fort. Detroit wurde zur Motor City, das Auto war Lebenselixier, Quelle des Reichtums, aber auch einer der Gründe für den späteren Niedergang. In Detroit entstand so etwas wie eine wirtschaftliche Monokultur. Detroit stand für Autos und praktisch nur für Autos, so wie das Ruhrgebiet einst für Kohle und Stahl. Irgendwann in den 50ern ging es mit der Einwohnerzahl Detroits bergab, obwohl noch in den 60er Jahren etwa neunzig Prozent der Autos in den USA aus Detroit stammten. Das mag einem anderen Grund als den Autos geschuldet sein: wachsenden Unruhen zwischen weißen und Afroamerikanern. Spätestens ab den 70er Jahren trug die Autoindustrie das ihre zum Abstieg Detroits bei. Die erste Ölkrise kam und senkte die Attraktivität der damaligen Treibstofffresser aus den USA deutlich. Nochmals später eroberten die Japaner den US-Markt mit ihren Autos und jeder dieser Schritte glich einem Schlag mitten in den Magen der Autostadt. Kurioserweise ist die japanische Stadt Toyota dennoch bis heute Partnerstadt Detroits.

Die Ruinen einer großen Metropole

„The Ruins of Detroit“ zeigt die Stadt, wie sie sich heute in vielen Teilen des Zentrums präsentiert: leer, wüst, zerstört. Zahlreiche Gebäude wurden abgerissen: alleine in den Jahren 1978 bis 1998 standen 108.000 Abrissen in Detroit laut Shrinkingcities.com nur 9.000 Neu- und Umbauten gegenüber. Andere große Gebäude aus besseren Zeiten blieben, ohne dass sich viele Jahre lang jemand groß um sie gekümmert hat. Zu ihnen gehören beispielsweise die leer stehende Michigan Central Station oder der etwa 112 Meter hohe und zwischen 1926 und 1928 erbaute David Broderick Tower. Die Bilder im Buch zeigen zerstörte Ballsäle, in denen einst die High Society tanzte, der Zeit zum Opfer gefallene Apartmenthäuser und Theater, verlassene Polizeistationen. Sie sind Symbol der Vergänglichkeit, von der auch Städte nicht unberührt bleiben.

Detroit – eine Warnung

Deutschlands größere Städte sind weit von solchen dramatischen Entwicklungen entfernt, auch wenn sich Probleme mancherorts nicht leugnen lassen. „Leben mit der Leere“ hieß bereits 2003 ein Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung, das sich mit deutschen Städten in Zeiten von wirtschaftlichem Wandel und Bevölkerungsrückgang beschäftigt hat. Nötig ist so etwas durchaus in Deutschland, das mancher bereits in Gewinner- und Verliererregionen eines demografischen Wandels teilt. Da, wo Bevölkerung schwindet, wo wachsende Öde droht, sind Strategien vonnöten. Man setzt auf „rezentrierte“ Städte, auf Städte der kurzen Wege und baggert Teile der Peripherie ab, setzt auf Eingemeindungen, doch immer wieder wird die Klage laut, den Städten fehle es an Geld. Dessen Fehlen lässt sich bisweilen wohl auch durch pfiffige Ideen nur schwer kompensieren. Ja, von den Dimensionen Detroiter Verhältnisse sind Deutschlands Städte wohl wirklich noch entfernt. Aber ein Blick in die Autostadt kann nicht schaden, um sich immer wieder einmal vor Augen zu führen, wie nötig es ist, sich einem Wandel zu stellen.

Wohin steuert Detroit?

Manche sehen auch für Detroit Hoffnung. Chevrolet versucht etwa mit dem Chevy Volt einen Schritt in die automobile Zukunft. Der Broderick Tower soll revitalisiert werden. Ford soll Wiedereinstellungen in Detroit planen, deren Zahl möglicherweise in die Tausende geht. Doch Vieles, was Hoffnung nährt, ist wiederum mit dem Automobil verbunden. Es muss keinen Nachteil bedeuten, eine „Motor City“ zu sein. Aber es ist gefährlich, nur eine „Motor City“ zu sein. Immerhin: „Detroit Techno“ hat der Stadt beispielsweise eine in manchen Kreisen sichtbare andere Facette geschenkt. Vielleicht täte eine etwas breitere Ausrichtung Detroit ganz gut? „Detroit – music and motors“, „Detroit – the green motor city“ –  auch Städte sind erst tot, wenn sie tot sind. Und von einer Geisterstadt ist Detroit dann doch noch etwas entfernt. Aber es steht wohl viel Arbeit an, um weiteren Niedergang zu vermeiden.

One Comment

  1. Brian Fouldner 28. April 2012 15:38

    In Deutschlands Westen gibts durchaus auch schon Parallelen- zum Beispiel Städte wie Duisburg, Oberhausen, wo ja auch bereits ganze Straßenzüge entwohnt und vergammelt sind, nachdem ein Drittel der Bevölkerung verschwunden ist. Auch in der BRD wird es sich ergeben, dass die eine oder andere Stadt von der Landkarte verschwindet, denn die Abwanderungswelle wird erst noch kommen