Handbuch für Großprojekte = Kosten ohne Explosion?

22. April 2013
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Der Bund ist aktiv geworden: Am 17. April 2013 kam die Reformkommission „Bau von Großprojekten“ erstmals zusammen. Sie wird voraussichtlich 2014 einen Abschlussbericht mit Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Verwaltung in Bezug auf die Entwicklung von Großprojekten vorlegen. Dieser Abschlussbericht soll dann Basis für ein „Handbuch Großprojekte“ werden. Laut dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung wird dieses Handbuch „privaten wie öffentlichen Beteiligten an Großprojekten praktische Leitlinien und Handreichungen wie z.B. Checklisten an die Hand geben“. Das klingt irgendwie wie ein Schritt in die richtige Richtung? Oder doch eher wie Aktionismus, bei dem etwas getan, aber nichts erreicht wird?

Kostensteigerungen bei Großprojekten sind teils immens

Dass sich in Bezug auf Großprojekte und mit Blick auf Entwicklungen bei Stuttgart 21, dem Flughafen Berlin-Brandenburg und der Hamburger Elbphilharmonie eine Art Handlungsdruck aufgebaut hat, lässt sich wohl kaum leugnen. Fassen wir doch einfach nochmals kurz zusammen: Bei der Elbphilharmonie in Hamburg war ursprünglich von 77 Millionen Euro die Rede, aus denen mittlerweile (Stand: Februar 2013) 575 Millionen Euro wurden. Verglichen mit den beiden anderen großen Projekten ist das noch immer ausgesprochen wenig. Für den Flughafen Berlin-Brandenburg wurden einmal 2,8 Milliarden Euro angesetzt; im Januar 2013 berichteten Medien von einem Minimum der Kosten, das bei 4,3 Milliarden Euro liegt. „… und noch eine Milliarde mehr“ betitelte die Süddeutsche Zeitung derweil einen Bericht über Stuttgart 21 am 5. Februar 2013. Die Zeitung veröffentlichte unter anderem eine Chronik des Projekts mit Kostenangaben, die zum jeweiligen Zeitpunkt genannt wurden. Im November 1995 war demnach von fünf Milliarden D-Mark Kosten die Rede. Das entspricht etwa 2,6 Milliarden Euro.

Im Lauf der Zeit stiegen die Kostenangaben für Stuttgart 21. Einige in der Süddeutschen Zeitung genannte Eckpunkte: Juli 2004: 2,8 Milliarden Euro, August 2008: 3,076 Milliarden, Dezember 2009: 4,1 Milliarden Euro. Die Chronik der Süddeutschen Zeitung schließt mit dem Dezember 2012 und dem Hinweis, dass sich die Kosten auf insgesamt 6,8 Milliarden Euro belaufen könnten, was dann 260 Prozent mehr als der ursprünglich angesetzte Betrag wären. Dabei muss man sich vor Augen führen, dass diese Top-3 zwar die bekanntesten und wohl auch teuersten Großprojekte mit Kostenexplosionen in Deutschland sind, aber keineswegs die einzigen. Gibt man einmal das Wort „Kostenexplosion“ in Google News ein, wird man gleich mehrfach fündig. Zwei Beispiele von vielen: Berichtet wird etwa über Kostenexplosionen bei Umbauten im Dresdner Rathaus, bei denen laut Dresdner Neueste Nachrichten (DNN) alleine die Kosten des ersten Bauabschnitts von 25 auf inzwischen 33 Millionen Euro gestiegen sind. Die Kosten einer neuen Multifunktionshalle auf dem Messegelände Hannovers haben derweil laut NDR-Bericht inzwischen 58 statt 40 Millionen Kosten erreicht.

Auch wenn sicherlich andere Großprojekte existieren, die als Gegenbeispiele mit eingehaltenem Zeit- und Kostenrahmen dienen könnten, führt die kleine Aufzählung dennoch vor Augen: Sehr oft läuft irgendetwas schief, wenn Großprojekte realisiert werden (sollen). Oft ist die Summe der Probleme und vergrößerten Kosten weniger groß als bei den drei Riesenprojekten in Stuttgart, Berlin und Hamburg, aber in der Summe vieler kleiner Projekte dürften auch hier viele weitere Milliarden Euro Mehrkosten herauskommen.

Die Kommission und das Handbuch

Die ins Leben gerufene Reformkommission „Bau von Großprojekten“ besteht aus insgesamt etwa 30 bis 35 „mit Großprojekten befasste hochrangige Vertreter des Bauwesens in Deutschland und ausgewiesene Spezialisten“, schreibt das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in seiner Pressemitteilung vom 17. April 2013. Das geplante Handbuch soll 2015 vorliegen. Die Kommission wird sich laut Ministerium unter anderem mit Themen beschäftigen wie der möglichen Notwendigkeit, den „Planungs- und Untersuchungsaufwand in der Frühphase von Projekten“ zu erhöhen sowie ein angemessenes Risikomanagement, passende Kostenkontrolle und mögliche Bonus-Malus-Regelungen für eine pünktliche Fertigstellung/Inbetriebnahme zu etablieren. Auf den Prüfstand sollen letztlich auch deutsche Planungs-, Vergabe- und Bauvorschriften. Denkverbote soll es bei der Arbeit der Kommission keine geben. Man darf gespannt sein.

Und was sagt die Presse?

Insbesondere die Sache mit dem Handbuch gab etwa der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Anlass für Spott und der ironischen Prognose, dass das Planungshandbuch mit Sicherheit ein Bestseller wird. Tatsächlich hat die Vorstellung eine gewisse Komik, dass irgendwann Projektverantwortliche mit Handbuch über Großbaustellen laufen und nachschauen, was nun aktuell zu tun ist. Aber man sollte sich wohl nicht allzu sehr an solche etwas bizarren Bilder klammern. Im besten Fall kann der Expertenkreis durchaus die Weichen für wichtige Veränderungen stellen, die das Risiko von Kostenexplosionen und weit überschrittenen Terminen deutlich reduzieren. Im ungünstigen Fall ist die Kommission dagegen eine gut gemeinte Maßnahme ohne Wert sein, an deren Ende ein Abschlussbericht steht, der zu einem Handbuch führt, das gar nichts ändert. Wie schon geschrieben: Man wird sehen.

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