Investmentstandort Deutschland – auf Dauer alles gut?

Im Moment gibt es beim Blick auf den Wirtschaftsstandort Deutschland eher wenig zu meckern. Eine aktuelle Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young zur Attraktivität des Wirtschaftsraums Europa und zu tatsächlichen Investitionsprojekten bescheinigt Deutschland den Rang als attraktivster europäischer Standort und immerhin Platz 6 im weltweiten Standortranking. So etwas stärkt auch den deutschen Gewerbeimmobilien-Markt, der sich laut Jones Lang LaSalle für ausländische Investoren 2011 weitaus attraktiver als noch 2010 präsentiert hat. Das alles klingt trotz Krisenstimmung in Europa nach goldenen Zeiten. Dennoch muss auch Deutschland keine Insel ewiger Glückseligkeit bleiben. Ein bisschen Fragilität kennzeichnet wohl auch deutsches Glück.

Der begehrte Investment-Standort Deutschland

Ernst & Young hat im Rahmen der Studie Manager von 840 internationalen Unternehmen befragt. 201 Unternehmen aus dem Ausland erhielten darüber hinaus weitere und vertiefende Fragen zum Standort Deutschland. Insgesamt schnitt Deutschland dabei besser als im Vorjahr ab: Für 13 Prozent aller befragten Manager gehört das Land zu den Top-3-Standorten der Welt; der Prozentsatz ist damit gegenüber dem Vorjahr um ein Prozentpunkt angestiegen. Sechs von zehn der befragten Manager erwarten zudem aktuell eine weiter ansteigende Attraktivität Deutschlands. Und noch eine positive Zahl: 2011 gab es 597 Investitionsprojekte mit ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland. Das sind sieben Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Attraktivität der deutschen Gewerbe-Immobilien

Was sich für den Investment-Standort Deutschland allgemein bei der Ernst & Young Studie herauskristallisiert, zeigt sich auch speziell auf dem deutschen Gewerbeimmobilien-Investmentmarkt. Laut Jones Lang LaSalle investierten ausländische Investoren 2011 insgesamt 9,3 Milliarden Euro auf diesem Markt, was etwa 33 Prozent mehr war als noch 2010. Die Investitionen deutscher Investoren stiegen im selben Zeitraum nur um 15 Prozent. Zugleich relativiert das Unternehmen dieses Ergebnis jedoch. So erreichen die Gesamtinvestitionen aus dem Ausland im Zeitraum 2009 bis Frühjahr 2012 insgesamt 18,9 Milliarden Euro. Das sind nur etwa fünfzig Prozent der ausländischen Investitionen, die jeweils in den Jahren 2006 und 2007 anfielen. Völlig unbeeindruckt von der Finanzkrise hat sich der deutsche Gewerbeimmobilien-Markt also nicht gezeigt. Aber der positive Trend scheint derzeit unverkennbar zu sein. „Als eines der Core-Länder schlechthin ist Deutschland nach wie vor gerade für langfristig orientierten Anleger sehr interessant“, urteilte daher Helge Scheunemann, Leiter Research Jones Lang LaSalle Deutschland.

Es gibt auch andere Zahlen

Eine Umfrage des Verbands der globalen Immobilien Investoren (AFIRE) zeigte Anfang des Jahres 2012 etwas andere Zahlen. München kam als beste deutsche Stadt im Ranking der sichersten Standorte für Immobilien-Investments gemeinsam mit Warschau nur auf Platz 13, berichteten die Deutschen Mittelstands-Nachrichten im Januar 2012. Zugleich rutschte Deutschland vom Rang 2 im Ranking der Länder, die als sicherste Immobilien-Standorte gelten, auf Rang 3 hinter den USA und (neu) Kanada ab. Die Deutschen Mittelstands-Nachrichten machen dafür vor allem die europäische Schuldenkrise verantwortlich. Und auch Ernst & Young warnt bei der Studie zu den Gesamt-Investitionen des Auslands in Deutschland trotz der vorgelegten positiven Zahlen, dass „Deutschland keineswegs immun gegen die Krise“ sei und dass „das Risiko herber Rückschläge in der zweiten Jahreshälfte erheblich zugenommen“ habe.

Die Macht der Psychologie

Finanzen und Investments haben auch mit Psychologie zu tun und so könnte es bereits ausreichen, dass sich kritische Stimmen gegenüber dem Wirtschaftsstandort Deutschland und dem deutschen Gewerbeimmobilien-Markt mehren, um eine Kette aus Reaktionen und Reaktionen auf Reaktionen in Ganz zu setzen, die Deutschlands Rolle als Wirtschafts- und Immobilienstandort schwächt. Also ist doch nicht alles gut? Im europäischen Vergleich wohl irgendwie schon; zumindest derzeit. Und vielleicht bleibt es auch so? Man weiß es nicht so genau. Zahlen, die das Vergangene abbilden, sind das eine. Werden Studien wissenschaftlich durchgeführt, darf man ihnen trauen, sofern man sie nicht falsch interpretiert. Prognosen sind eine ganz andere Geschichte. Als Insel der Glückseligkeit ohne das Risiko, dass dunkle Wolken am Himmel auftauchen, darf man wohl weder den Wirtschaftsstandort Deutschland noch den deutschen Gewerbeimmobilien-Markt sehen. Schwarz zu sehen, wäre aber wohl auch nicht angebracht: Versuchen wir uns also in verhaltenem Optimismus. Auch der Psychologie wegen.