St. Pauli – die Tanzenden Türme im Rotlicht

6. April 2013
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Die Tanzenden Türme in St. Pauli sind nun offiziell eröffnet. Hamburg hat damit ein neues architektonisches Highlight. Aber „nur“ ein architektonisches Highlight zu sein, reicht bei diesem Projekt nicht aus. Die beiden eigenwilligen Türme des Stararchitekten Hadi Teherani müssen sich auch gekonnt ins eigenwillige und legendäre Umfeld namens St. Pauli integrieren, das von jeder Menge Clubs, Kreativität und auch Rotlicht in seiner verrucht anziehenden Variante geprägt ist. Gelingt die gekonnte Integration, könnten die Türme ebenso zu einer neuen Sehenswürdigkeit wie zum lebendigen Teil des Stadtteils werden, der zu den Touristenmagneten in Hamburg gehört. Es scheint so, als sei diese Integration gelungen.

Die Geschichte der beiden Tänzer

Der Bau der beiden Tanzenden Türme begann 2009, die Geschichte des Projekts ist aber natürlich älter. Einer der ersten Meilensteine liegt etwa zehn Jahre zurück, im Jahr 2003: Damals gewann das Architektenbüro Bothe Richter Teherani (BRT) aus Hamburg mit einem Entwurf einen Wettbewerb. Der Entwurf sah zwei Türme vor, die sich zunächst einander zu- und dann voneinander fortneigen. Es sind also quasi zwei „geknickte“ Türme. Der Plan, sie zu bauen, nahm spätestens 2008 realistische Züge an. Damals kaufte das Unternehmen Strabag Real Estate über die Züblin Development GmbH das etwa 5.400 m² große Gelände „Reeperbahn 1“ von JP Morgan Stanley und Pirelli RE. Hier sollten die Türme entstehen. Und nun sind sie entstanden, mitsamt einem benachbarten Hotel, das bereits 2012 fertig wurde.

Die jetzt entstandenen Türme sind 85 beziehungsweise 75 Meter hoch, schreibt das Unternehmen Carpet Concept, das sich um Teppichböden im Inneren gekümmert hat. Bauherr war neben der Strabag die Projekt Elbpark GmbH & Co KG, heißt es auf der Website des Unternehmens weiter. Nicht nur die Höhe der beiden Türme ist unterschiedlich; auch der Knick, durch den sich die einander zuneigenden Türme im oberen Bereich wieder etwas voneinander entfernen, existiert bei beiden Türmen in unterschiedlicher Höhe: beim 24 Etagen hohen Südturm auf der siebten und beim 22 Etagen hohen Nordturm auf der 17. Etage. Das Hotel und die beiden Türme haben zusammen eine Bruttogeschossfläche von etwa 44.000 m², berichtet die Ed. Züblin AG. Davon bestehen 28.500 m² laut Immobilien Zeitung aus Bürofläche. Zudem soll es drei Gastronomieangebote geben.

Auch der Mojo Club ist da

Hauptmieter in den beiden Türmen ist das Unternehmen Strabag SE mit seinen Hamburger Gesellschaften selbst. Strabag hat laut Immobilienzeitung für 800 Mitarbeiter insgesamt 20.300 m² in den Türmen belegt. Knapp 2.000 m² sind an den Wein- und Spirituosenproduzenten Diageo vergeben und die Sozietät Osborne Clarke übernimmt etwa 1.300 m² der Bürofläche, wie am Eröffnungstag der Tanzenden Türme bekannt wurde. Ein weiterer Mieter der Türme macht die gewollte Anbindung ans Umfeld in St. Pauli besonders deutlich: der Mojo Club, dessen Eröffnung bereits im Februar 2013 gefeiert wurde.

Anfang der 90er Jahre hatte sich der Mojo Club fest in St. Pauli etabliert; durch die Entdeckung und die Förderung junger Musiktalente sei er bundesweit bekannt geworden, schreibt die Ed Züblin AG. Insgesamt 1.600 m² und damit Platz für etwa 800 Gäste bieten die neuen Räume des Clubs, der 2003 geschlossen und dessen alter Standort 2009 für die Tanzenden Türme abgerissen wurde. Nun belegt er die Untergeschosse der Neubauten und unterhält zusätzlich ein Cafe im Erdgeschoss. Eine besondere Herausforderung für die Planer war seine Integration ins Gesamtkonzept, weil laute Soundchecks bereits zu einer Zeit stattfinden, in der in den Büros im Turm noch gearbeitet wird. Gelöst wurde diese Herausforderung mit einem schalltechnisch, logistisch und räumlich von den übrigen Bereichen der Türme abgekoppelten „Haus im Haus“, schreibt Strabag. Zutritt zum unterirdischen Club gibt es über Hydrauliktüren.

Passt (nicht?) nach St. Pauli?

Nicht nur der Mojo Club, ganz St. Pauli ist eine Legende, die zu den Highlights von Hamburg gehört. Der etwa 2,3 km² große Stadtteil im Bezirk Hamburg-Mitte hat knapp 24.000 Einwohner, wobei die Zahl der St. Pauli pro Jahr besuchenden Touristen deutlich höher sein dürfte. St. Pauli ist mit Namen wie Olivia Jones, Hans Albers, Achim Reichel und auch mit den Beatles verbunden, für die der bis 1969 existierende Star Club in St. Pauli ein wichtiger Meilenstein in der Bandgeschichte gewesen ist. St. Pauli weckt Bilder voll Rotlicht, mit niemals schließenden Bars, etwas Travestie, Party und reizvoller Subkultur. Durch unsensible Bebauung kann man dieses Image zwar nicht mit einem Mal zerstören, aber man könnte es schädigen: Stück für Stück. Das wäre nicht gut für St. Pauli. Und auch nicht gut für Hamburg.

Ob St. Pauli heute noch St. Pauli ist, so lebendig und attraktiv, wie es einst war, da gehen die Meinungen wohl auseinander. Fakt ist, dass sich die Bauherren der Tanzenden Türme ebenso wie ihr Architekt viele Gedanken darum gemacht haben, wie sich das Projekt möglichst perfekt in sein legendäres Umfeld integrieren lässt. „An diesem Standort St. Pauli musste eine Architektur entstehen, die dem Ruf und der Musikmeile gerecht wird“, wird Hadi Teherani im Mai 2012 von Strabag SE zitiert. Und so ungewöhnlich wie der Bau ist, passt er durchaus in eine derart ungewöhnliche Sehenswürdigkeit der reizvollen Metropole Hamburg wie St. Pauli. Die Integration des Mojo Clubs ins Gesamtkonzept könnte zusätzlich dazu beitragen. Auch bei den Tanzenden Türmen gab es Proteste, aber im Vergleich zu anderen Projekten eher leise. Und so sind die Tanzenden Türme vielleicht ein Beispiel dafür, wie sensible Neubebauung funktioniert? Vielleicht ja.

One Comment

  1. Karsten Aßmann-Funk | A-F-Immobilien | Lüneburg 16. April 2013 10:46

    Ich finde, damit ist mal eine gelungene Integration geglückt. Charme hin oder her, so ganz kann sich kein Kiez der Welt dem Wandel verwehren.