Stadtquartier statt Shopping-Mall an Kölns Binnen-Leuchtturm

9. Juni 2012
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Der Helios-Leuchtturm wacht seit Ende des 19. Jahrhunderts über den Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Den 44 Meter hohen Turm hatte die nicht mehr existente Helios AG einst für Demonstrations- und Versuchszwecke gebaut. Heute ist der Leuchtturm fernab vom Wasser ein Wahrzeichen Ehrenfelds. Fast wäre er Nachbar eines Shoppingcenters geworden, den Investoren auf dem Helios Gelände am Leuchtturm bauen wollten. Aber es gab auch andere Pläne, in deren Zentrum ein Schulzentrum als wesentlicher Bestandteil eines neuen Stadtquartiers stand. Nun haben Bürger, Verwaltung und Investoren in einem Planungswettbewerb entschieden. Das Shoppingcenter wird nicht gebaut. Stattdessen kommt das neue Stadtquartier.

Die Geburt der Shoppingcenter-Pläne

Etwa 20.000 m² umfasst das ehemalige Gelände der Helios-Werke in Köln-Ehrenfeld. Komplett umgenutzt ist das Gesamtareal nicht, allerdings war die bisherige Nutzung kein Ergebnis einer durchdachten Planung. Auf dem Areal liegen unter anderem die Filiale einer bekannten Fastfood Burgerkette (ohne „M“), der Partyclub „Underground“, ein Matratzenmarkt sowie ein Anbieter italienischer Feinkost.  Wie aber soll die Zukunft des Areals aussehen? Bewegung in die Diskussion rund um diese Frage kam spätestens 2008. Damals übernahm das Unternehmen Bauwens das Areal von der „Helios Immobilen Verwaltungs GmbH“ und gründete mit der „mfi Management für Immobilien AG“ eine Grundstücksgesellschaft, um sich gemeinsam Gedanken um eine künftige Nutzung des Areals zu machen. Schnell kristallisierte sich dabei der Gedanke heraus, hier ein Shoppingcenter zu bauen. Wie so viele Shoppingcenter-Projekte weckte das Hoffnung und Ängste zugleich. In der Kölner Politik entstand deshalb der Impuls, eine Verträglichkeitsstudie in Auftrag zu geben. Die Erstfassung dieses Gutachtens kam im Frühjahr 2010 heraus. Für das geplante Shoppingcenter wurde dort eine maximale Größe von 17.000 m² empfohlen. Das war deutlich weniger als das, was die mfi mit etwa 30.000 m² im Sinn hatte. In der Folgezeit kletterte die empfohlene Maximalgröße dann über einen Zwischenschritt mit 19.600 m² auf 20.600 m². Immer noch deutlich weniger als das, was die mfi im Sinn hatte. Aber zuviel für eine ganze Reihe Ehrenfelder Bürger.

Die anderen Pläne

2010 entwickelte sich erstmals organisierter Widerstand gegen die Shoppingcenter-Pläne. Zugleich reifte die Idee, Bildung statt Konsum den Vorzug auf dem Helios Gelände zu geben. Die Pädagogen der Universität Köln nahmen das Gelände für ein innovatives Schulkonzept in den Blick, für die „Inklusive Universitätsschule Köln“. So wie Universitätskliniken angehenden Medizinern Praxis vermitteln, sollte diese Schule angehenden Pädagogen als ein Praxisfeld dienen. Widerstand gegen das Shoppingcenter organisierte sich in der „Bürgerinitiative Helios“. Auf ihrer Internetseite findet man folgende Ziele, denen sie sich widmet: „Keine Shopping Mall; Bürgerbeteiligung jetzt; An die Veedelsstruktur angepasste Entwicklung –  für ein lebenswertes Ehrenfeld“. Die Bürgerbeteiligung wurde schnell ernst genommen. Die Ehrenfelder Politik griff die Idee auf und startete einen städtebaulichen Planungswettbewerb als moderiertes Verfahren. Auch die fürs Shoppingcenter eintretende Planungsgesellschaft befürwortete das Verfahren und beteiligte sich.

Das Aus fürs Shoppingcenter

Im Juni 2012 wird das Shoppingcenter zur nicht realisierten Geschichte. „Ein Grossteil der Bürger Ehrenfelds sei von einem Shoppingcenter nicht überzeugt“, ließ Bauwens verlauten. Nun soll die Schule kommen: für etwa 1.000 Schüler auf 11.500 m² Grundstücksfläche und sowohl mit einem Grundschul- als auch mit einem Sekundarschulbereich. Daneben soll ein offenes Stadtquartier entstehen, mit Wohnungen und Büros, Grünflächen und Platz für die Kulturszene, auch für den einst von einem Aus bedrohten Club „Underground“. Damit wäre einerseits eindeutig klar, was nicht kommt: das Shoppingcenter. Manch einer mag es bedauern. Andererseits ist Ehrenfeld kein Stadtteil, dem es allzu sehr an Einkaufsmöglichkeiten mangelt. Ein bisschen mehr Handel mag immer noch gehen und auch Sinn machen, aber ein offenes Stadtquartier ist da eventuell doch die bessere Lösung? Ehrenfeld hat sich den Ruf eines lebendigen Stadtteils erworben, den auch Partyfreunde am Wochenende gerne ansteuern. Das „offene Stadtquartier“ mit Platz für die Kulturszene könnte hier gut hineinpassen. Allerdings ist andererseits bisher nur ein bisschen klar, was kommt. Die „Inklusive Universitätsschule Köln“ wird den Großteil des Geländes belegen; für alles, was daneben entsteht, sind Pläne bisher eher schemenhaft. Hier gilt es, aus Schemen Konkretes werden zu lassen: im konstruktiven Gespräch, ohne Blockaden und Streit. Bisher hat das gar nicht so schlecht funktioniert. Viel wird noch geschehen: rund um Ehrenfelds Leuchtturm.

One Comment

  1. Almut Skriver 17. Juli 2012 09:46

    Es freut mich, dass Sie sich bis nach Nürnberg für Köln-Ehrenfeld interessieren! Das Bürgerbeteiligungsverfahren Helios-Forum ist abgeschlossen, die Ergebnisse werden vom 24.08.-06.09.12 in der sog. DQE-Halle auf dem Heliosgelände präsentiert.
    Der Planungswettbewerb wird aber – anders als Sie oben schreiben – erst noch stattfinden. Inweit hier auch die Bürger beteiligt werden können, ist noch in der Diskussion, das Wettbewerbsrecht und EU-Vergabe-Regeln sind zu beachten. Die Stadtverwaltung hat nun den Vorschlag gemacht, dass die Bürger nach der ersten Phase des geplanten zweistufigen Wettbewerbs, die von der Jury für die 2. Phase ausgewählten anonymisierten Entwürfe in einer Ausstellung ansehen und auch kommentieren können. Diese Kommentare werden den WB-Teilnehmern als Anregung mit in die 2. Bearbeitungsphase gegeben. Die Lenkungsgruppe des Bürgerbeteiligungsverfahren hat außerdem angeregt, der Bürgerinitive Helios einen Sachpreisrichtersitz in der WB-Jury zuzugestehen.
    Wir denken, dass es immer wichtiger werden wird, die Bürger in solchen Verfahren einzubinden und so auch „mitzunehmen“. Wir glauben, dass hier am Ende sogar Zeit gespart werden kann, Konflikte minimiert oder rechtzeitig ausgetragen werden können und dem Bürger (wieder mehr) das Gefühl gegeben werden kann, dass nicht in Hinterzimmern über seinen Kopf hinweg intransparente Entscheidungen getroffen werden, die Einzelinteressen unangemessen bevorzugt berücksichtigen.
    In immer enger bebauten Innen-Städten wird der öffentliche Raum zunehmend wichtiger Lebensraum – Grund und Boden sind nicht vermehrbar, daher müssen wir wieder mehr Verantwortung übernehmen, höhere Aufenthalts-Qualitäten einfordern – das ist Aufgabe von Stadtplanung!
    Da die Verwaltungen immer mehr verkleinert werden, müssen die Bürger zunehmend selbst diese Ziele einfordern und die „Visionen“ entwickeln, mit denen die Verwaltungsbeamten „zum Arzt geschickt“ würden….